Abteilung

Signatur

A Sp III/11h

Abteilung

Familienarchiv Amilcar, Lantsch/Lenz

Erläuterung

Bestand erschlossen, Verzeichnis im Lesesaal vorhanden. Signatur: CB II 1360 d 26
Beim vorliegenden Privatarchiv handelt es sich um Material, das auf verschiedenen Wegen ins Staatsarchiv Graubünden gelangt ist, dessen Ursprung jedoch auf einen gemeinsamen Ort zurückzuführen ist, nämlich das Haus Amilcar in Lantsch/Lenz. Ein erster Teil ist von Prof. Dr. Karl Eduard Mülly (1909-1986), welcher in Lantsch/Lenz ein Ferienhaus besass, im Jahre 1983 auf Empfehlung von Prof. Dr. Werner Kägi und Dr. Andrea Schorta dem Staatsarchiv Graubünden übergeben worden. Der zweite Teil war zuletzt in Besitz der Gemeinde Lantsch/Lenz und wurde dem Staatsarchiv im Jahre 2007 geschenkt, wodurch es wieder mit dem seit 1983 daselbst aufbewahrten Material zusammengelegt werden konnte. Weshalb die beiden Teile einst getrennt worden sind, ist nicht bekannt. Prof. Dr. Mülly erwähnt in seinem Schreiben an den Staatsarchiv lediglich, dass er die Akten „als Mittelschüler 1920-1930 erworben“ habe, ohne jedoch Herkunft und Vorbesitzer zu nennen (vgl. dazu StAGR II 5 b 6 Haus Amilcar, Lantsch/Lenz, Schenkung Mülly).
Dass die Akten eindeutig zusammen gehören, wurde sehr schnell sichtbar, da die darin vorkommenden Personen und Handlungsorte weitestgehend übereinstimmen. Es handelt sich dabei um eine breite Palette von Textsorten wie Briefe, Verträge, Quittungen, politische oder sonstige Akten aus dem Hause Amilcar in Lantsch/Lenz.

Das Geschlecht Amilcar ist im Kanton Graubünden gegen Ende des 19. Jahrhunderts ausgestorben. Sein Ursprung ist das Oberhalbstein, genauer gesagt Mulegns. Die ältesten Zeugnisse innerhalb des vorliegenden Archivs führen denn auch auf diese Ortschaft an der Julierpassroute zurück. Im ausgehenden 16. Jh. kann als frühestes Familienmitglied ein Balthasar Melcher (~1654 -1708) nachgewiesen werden (vgl. dazu auch den Stammbaum der Familie Amilcar StAGR IV 25 e 2 Familienforschung A-Z Amilcar). Dass die Familie damals und auch später zu den wohlhabenderen Geschlechtern Mittelbündens gehörte, lässt sich z. B. daran erkennen, dass sowohl Balthasar Melcher als auch seine Nachkommen wiederholt das Amt des Landammannes bekleideten, zahlreiche Güter besassen bzw. im Laufe der Zeit erwerben konnten und wiederholt als Geldgeber im Raum Oberhalbstein auftraten.
Die Familie liess sich bereits früh in Savognin nieder. Im dortigen Kirchenbuch finden wir als Sohn Balthasars einen Christian Melcher (1691-1750) „ex Molendinis“ (aus Mulegns), später dessen Sohn Caspar Ananias Melcher (1729-1770) bzw. à Melcher (vgl. StAGR Mikrofilm A I/21 b2 Kirchenbuch Savognin). Noch heute steht in Savognin ein Haus Amilcar, das an dieses Geschlecht erinnert. Der älteste Sohn des Caspar Ananias, Leutnant Christian Anton Amilcar (1751-1823) – der Name hatte sich im Laufe der Zeit vom ehemaligen Melcher bzw. à Melcher zu Amilcar verändert und sich in dieser Form in den Akten eingebürgert –, vermählte sich mit Maria Regina Antonia Simeon (1757-1842) von Lantsch/Lenz und liess sich daselbst nach einer militärischen Karriere im französischen Schweizerregiment von Diesbach nieder. Er erwarb, entweder durch Kauf oder Heirat, das Haus Beeli von Belfort, welches heute unter dem Namen Haus Amilcar bekannt ist. Dieser Wohnsitz wurde 1694 von der einflussreichen Familie der Beeli von Belfort aus Mittelbünden als typisches Herrenhaus erbaut. Durch die Übernahme Christian Anton Amilcars gelangte auch das Schriftgut ehemaliger Hausbesitzer, worunter als letzte die Familie der Maria Regina Antonia Simeon zu zählen ist, in die Hände der Amilcar. Das vorliegende Archiv umfasst deshalb neben den Akten amilcarischer Provenienz auch Schriften der Familien à Porta, Jemmi, Buol, Beeli von Belfort, Paravicini und Simeon, um nur die wichtigsten zu nennen.

Ein grosser Teil des Aktenbestands stammt von Leutnant Christian Anton Amilcar, welcher zur Zeit der Helvetik als Präfekt des Distrikts Albula fungierte (1800-1803). Er war sodann, wie es scheint, zeitweise Vorsteher der „vier löblichen Porten der Oberen Strasse“ und für verschiedene Familien als Massavogt tätig. Darüber hinaus trat er als Verteidiger in Gerichtsprozessen auf. Laut Ferdinand Sprecher hat er im letzten Hexenprozess Graubündens 1779 als Verteidiger der angeklagten Maria Ursula Padrutt von Tinizong gewirkt (vgl. Sprecher, Ferdinand, Der letzte Hexenprozess in Graubünden, in: BM, 1936, 11, S. 321-331) und deren Freispruch erreicht. Zu diesem Prozess finden sich im vorliegenden Nachlass keine Akten, dafür ist er in der Funktion eines Verteidigers oder Massavogts in anderen Fällen belegt.

Die Familie Amilcar ist mit verschiedenen (wohlhabenden) Familien Mittelbündens (z. B. Buol, de Scarpatetti, Wiezel, Janett) oder der Surselva (z. B. de Caprez) Heiratsverbindungen eingegangen. Mehrere Nachkommen der Amilcar, sowohl der Neffe des Christian Anton bzw. Sohn des Landammanns Johann Melcher Amilcar (1755-1823) von Savognin, Giacomo Maria Amilcar (1789-1842), als auch seine Schwestern Maria (1784-1823) und Barbera (*1803), liessen sich in Chiesa di Valmalenco im Veltlin nieder. Ein anderer Sohn des Landammanns Johann Melcher Amilcar, Caspar – die Angabe des Geburtsdatums fehlt –, ist gemäss Bürgerregister von Mulegns nach „America“ ausgewandert (vgl. StAGR Mikrofilm Bürgerregister Mulegns).

Das Aussterben sämtlicher Amilcar-Zweige in Mittelbünden gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte zur Folge, dass die Existenz dieses Geschlechts in der Bündner Geschichtsschreibung kaum je Erwähnung fand. Gründe für das Verschwinden der Familie gibt es verschiedene: Leutnant Christian Anton Amilcar von Lantsch/Lenz hatte nebst mehreren Töchtern einen einzigen Sohn, Landammann Caspar Ananias Luzius Anton Maria (1794-1844) – er vermählte sich mit seiner Cousine Anna Maria Catharina Amilcar (1799-1820), Tochter des erwähnten Landammanns von Savognin, Johann Melchior Amilcar –, wobei aus dieser Ehe nur ein einziger Sohn das Erwachsenenalter erreichte, nämlich Landammann Christian Anton Franz (1820-1890). Alle drei Söhne aus der Ehe des Letztgenannten mit Barbara Amantia Gort (1828 – 1862) von Pfäfers wanderten gemäss Bürgerregister von Lantsch/Lenz (vgl. StAGR Mikrofilm Bürgerregister Lantsch/Lenz) nach Südamerika, wohl nach Argentinien, aus: Lehrer Johann Anton (1854-1918), Peter Joachim (1858-1882) sowie Caspar Ananias Christian Anton (1860-1897), wobei von letzterem gemäss Kirchenbuch von Lantsch/Lenz drei Söhne und zwei Töchter nachweisbar sind. Was aus den übrigen Nachkommen der Zweige von Savognin und Mulegns geworden ist, konnte nicht ermittelt werden. Jedenfalls verschwindet der Name Amilcar in den Kirchenbüchern Mittelbündens allmählich, bis er schliesslich gegen Ende des 19. Jh. bzw. Anfang des 20. Jh. gänzlich erlischt. Die Hauptgründe für das Aussterben sind zusammenfassend in erster Linie in der Auswanderung und in der geringen Anzahl männlicher Nachkommen, die das Erwachsenenalter erreicht haben, zu finden.

So hat der Name Amilcar in der Bündner Geschichtsforschung bislang kein Interesse erfahren. Das im vorliegenden Privatarchiv aufbewahrte Material ist deshalb von grossem Wert. Es dient indes in erster Linie nicht der Verherrlichung eines ausgestorbenen Geschlechts, sondern ist allein durch den reichhaltigen und ein breites Spektrum abdeckenden Aktenbestand ein interessantes Stück (Mittel-)Bündnerischer Kulturgeschichte. Davon zeugen die verschiedenen Briefe, Söldnerakten – hervorzuheben sind jene des Oberstleutnants Otto Jemmi (1733-1801) –, Akten zum Porten- und Fuhrwesen, Gerichts- und Prozessakten, Akten des Podestà und Commissari Valentin à Porta (1689-1757), nicht zuletzt aber auch die zahlreichen Akten betr. die alltäglichen Geschäfte und Händel der Familie Amilcar sowie anderer vorkommender Familien.

Zu erwähnen bleiben zuletzt noch verschiedene Handschriften in Buch- oder Heftform (vgl. StAGR A Sp III/11h 10), darunter eine Vogteirechnung, Rechnungsbücher, zwei Gerichtsbücher, ein militärisches Taschenlehrbuch, ein Tagebuch eines unbekannten ca. 16-18jährigen Schreibers (ev. der später ausgewanderte Lehrer Johann Anton Amilcar) aus der ersten Hälfte des Jahres 1872 in romanischer Sprache sowie einige Schulschreibhefte. Laut Prof. Mülly könnte ein ehemals ebenfalls dazu gehörender handgeschriebener „Corpus iuris canonic[i] aus dem Collegium Helveticum [M]ediolani […] beim Rücktritt von Prof. Bader, (Rechtsgeschichtler an der Uni Zürich) an das Rechtswissenschaftliche Seminar“ daselbst gelangt sein, soadass er „in dessen Katalog aufgeführt sein“ müsste.
Schliesslich beinhaltet der Nachlass auch einige gedruckte Bücher (vgl. StAGR A Sp III/11h 11), darunter Gebets-, Geschichts-, Medizin- sowie Wörterbücher.

Provenienz

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Stufe Zielsystem

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