Abteilung

Signatur

A Sp III/11p

Abteilung

Archiv von Banaston: Familien Bergamin, Candrian, Florin (Vaz/Obervaz), Caderas (Ladir)

Erläuterung

Das Material des vorliegenden Archivs wurde von Dr. iur. Hans Degiacomi (1926-2008) im Jahre 1991 anlässlich des Abbruchs der Villa von Banaston in Lenzerheide dem Staatsarchiv Graubünden übergeben. Dass das Privatarchiv seither daselbst unter dem Namen Archiv von Banaston systematisiert ist, erscheint auf den ersten Blick einleuchtend, kann jedoch angesichts des darin vorzufindenden Aktenmaterials irreführend sein. Zwar findet sich in wenigen Akten der Name von Banaston, dies jedoch erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts. Er tritt mehrheitlich in Zusammenhang mit dem Namen Maria Barbara (Babette) von Banaston geb. Candrian (1829-1913) auf. Dieselbe, Tochter des Bernard Candrian (1795-1869), heiratete den K.u.K. Oberleutnant Franz von Banaston (1831-) von Wien. Nach seiner militärischen Karriere, welche die beiden u. a. nach Komorn an der ungarisch-slowakischen Grenze führte, liessen sie sich in Vaz/Obervaz nieder. Ihr Sohn, Franz von Banaston jun., der einen Teil seiner Kindheit in Mittelbünden verbracht hatte, wanderte Ende des 19. Jh. nach New Orleans aus und wurde daselbst Grossindustrieller. Sein Versuch, auch in Vaz/Obervaz ein grösseres Unternehmen auf die Beine zu stellen, scheiterte, sodass er nach Nordamerika zurückkehrte und dort 1905 im jungen Alter von 40 Jahren verstarb (vgl. J.J. Simonett, Geschichte der politischen Gemeinde Obervaz, Ingenbohl 1915, S. 239).
Diese Tatsachen belegen, dass sich die Familie von Banaston eher kurze Zeit in Vaz/Obervaz aufgehalten hat. Wahrscheinlich bewohnten sie bis um 1900, als die Villa von Banaston auf der Lenzerheide errichtet wurde (vgl. Gemeinde Vaz/Obervaz [Hg.], Vaz/Obervaz, In Wort und Bild – Codesch da Vaz, Vaz/Obervaz 1993, S. 69), das Haus Candrian in Lain, Gemeinde Vaz/Obervaz. Es handelt sich dabei um das ehemalige Haus der Junkerfamilien de Florin und von Bergamin, welches später in den Besitz der Familie Candrian ging. Ob die Familie von Banaston wirklich das Haus Candrian bewohnt hat, oder ob es lediglich durch die älteste Erbprätendentin der Familie Candrian, Maria Barbara (Babette) von Banaston geb. Candrian, in den Besitz des dort aufbewahrten Aktenmaterials kam, ist nicht ganz geklärt. Jedenfalls steht fest, dass das Haus Candrian bis in die 1920er Jahre zumindest von deren beiden jüngeren Schwestern Maria Anna (1837-1927) und Maria Dorothea (1839-1926), beide zeitlebens ledig, bewohnt wurde. Beim erwähnten Aktenmaterial aus dem Haus Candrian, welches später in die Villa von Banaston und schliesslich ins Staatsarchiv Graubünden gelangte, handelt es sich denn zum grossen Teil – abgesehen vom Material der Familie Caderas, auf das weiter unten eingegangen wird – um Schriftgut ebendieser vier genannten Familien Florin, Bergamin, Candrian und von Banaston. Aus diesem Grund wurde das vorliegende Archiv nach diesen erwähnten Familien gegliedert und geordnet.

Die Akten aus dem Nachlass der Familie Florin reichen bis in das 17. Jh. zurück. Es treten u. a. der Podestà Leonhard de Florin und sein Sohn Remigius de Florin, im 18. Jh. dann die Landammänner Christian (1701-), Paul Florin (1738-) und dessen Sohn Christian Florin (1765-1842) auf. Von Letztgenanntem findet sich im Archiv von Banaston das meiste Material aus dem Hause Florin. Er stieg in der Kompanie v. Salis in den Rang eines Wachtmeisters auf, bevor er am 10. August 1792 beim Sturm auf die Tuilerien als Überlebender in die Heimat zurückkehrte. Nach der Mediationsphase, ausgestattet mit einer Denkmünze der Schweizerischen Eidgenossenschaft von 1818 für seine Tapferkeit im Tuileriensturm, setzte er seine militärische Karriere fort und fungierte von 1818 bis 1830 als Hauptmann im vierten Regiment der französischen Schweizergarde. In seinem Nachlass finden sich nebst militärischen Akten v. a. Verträge, Abrechnungen, Korrespondenzen usw. Einen nicht geringen Teil bilden die Akten rund um den Rechtsstreit betr. Liegenschaften zwischen ihm und Landammann Johann Paul Bergamin (1789-1869), welcher über den Tod des Christian Florin hinausging und von seinen Nachkommen, allen voran von seinem Sohn Paul Fidel (1799-1878) und seinen ledigen Töchtern Anna Maria (1802-1858), Maria Anna (1804-1883) und Anna Dorothea (1808-1883) fortgeführt wurde. Als Anwälte der Familie Florin fungierten u. a. der bekannte Bündner Historiker Theodor von Mohr (1794-1854) sowie der Politiker Ludwig Anton (Louis) Vieli (1808-1867). Christian Florins ältester Sohn, Paul Fidel, war ebenfalls als Söldner tätig. Er stieg 1829, ebenfalls in Frankreich, in den Rang eines Oberleutnants und später, im Jahre 1846, mittlerweile in päpstlichen Diensten, zum Hauptmann auf (vgl. J.J. Simonett, Geschichte der politischen Gemeinde Obervaz, Ingenbohl 1915, S. 256, 262). In Bologna heiratete er Erminia Casani, worauf er sich nur noch sporadisch in Vaz/Obervaz aufhielt.

Die älteste Tochter des Hauptmanns Christian Florin, Maria Elisabeth (1801-1893) vermählte sich mit dem späteren Landammann Bernard Candrian. Da kein männlicher Nachkomme des Hauptmanns Christian Florin in Vaz/Obervaz überlebte – sein jüngster Sohn Vincenz Christian Fidel starb 1850 im Alter von 10 Jahren – ging sein Nachlass wohl auf die älteste Tochter und somit zu einem späteren Zeitpunkt in die Hände der Familie Candrian über. Diese hatte sich vorerst ebenfalls in Norditalien niedergelassen. Bernard Candrian, 1838-39 Landammann von Vaz/Obervaz, versuchte 1842 mit seiner Familie sein Glück als Cafetier bzw. Zuckerbäcker in Mailand. Dieses Unterfangen nahm schliesslich nach diversen Schwierigkeiten im Jahre 1865 ein jähes Ende. Sein Bruder Luzi Anton Candrian (1792-1876), 1820 zum Priester geweiht, kehrte und seiner Pastoration in der Surselva (Pfarrer in Andiast 1822-28; Kaplan in Breil/Brigels 1828/29; Pfarrer in Pigniu 1829-1850; vgl. J.J. Simonet, Die kathol. Weltgeistlichen Graubündens mit Ausschluss der ennetbirgischen Kapitel Puschlav und Misox-Calanca, Chur 1922, S. 120), weil er 1850 sein Gehör verloren hatte, nach Vaz/Obervaz zurück und übernahm während der Abwesenheit seines Bruders Bernard Candrian und seiner Familie deren Sachverwaltung in Mittelbünden. Sämtliches Material aus dem Nachlass von Pfarrer Luzi Anton Candrian ist dadurch nebst demjenigen von Landammann und Cafetier Bernard Candrian ebenfalls in das vorliegende Archiv gelangt. Es bildet sogar den Hauptbestand des Archivs von Banaston. Von Pfarrer Luzi Anton Candrian sind nebst vielen Korrespondenzen zahlreiche Predigten, Schulmaterial, Akten betr. seine Bienenzucht sowie Abschriften aus Zeitungen usw. erhalten geblieben. Daneben finden sich zahlreiche Akten betr. die genannte Sachverwaltung für seinen Bruder und betr. eigene Besitzangelegenheiten.

Dies alles ist vermutlich nach dem Tod des Bernard Candrian 1869, seines Bruders Pfarrer Luzi Anton Candrian 1876 und seiner Frau Maria Elisabeth Candrian geb. Florin 1893 in die Hände seiner ältesten Tochter, die oben erwähnte Maria Barbara (Babette) von Banaston, gelangt.

Dass sich im Archiv von Banaston auch noch Material der Familie Caderas von Ladir befindet, verdanken wir der Tatsache, dass Bundsstatthalter Mathias Anton Caderas jun. (1808-1846) 1841 die jüngste Tochter des Hauptmanns Christian Florin, Maria Barbara (Babette) (1812-) heiratete. Mathias Anton Caderas jun. war der Enkel des gleichnamigen Mathias Anton Caderas (1745-1815), des Haupts der Patrioten in der Surselva und mehrmaligen Mitglieds heikler diplomatischer Missionen der Drei Bünde (vgl. Adolf Collenberg, Mathias Anton de Caderas, Artikel im Historischen Lexikon der Schweiz), und Sohn des Johann Placidus Caderas (1774-1821), 1816 Tagsatzungsgesandter und 1820 Landrichter (vgl. Adolf Collenberg, Johann Placidus de Caderas, Artikel im Historischen Lexikon der Schweiz). Mathias Anton Caderas jun., der wie sein Grossvater und Vater Rechtswissenschaften studiert hatte, verstarb bereits im jungen Alter von 38 Jahren, wobei seine Frau Maria Barbara (Babette), kinderlos geblieben, den Nachlass der Familie Caderas von Ladir nach Vaz/Obervaz brachte. Es ist anscheinend nach ihrem Tod mit dem übrigen Material der Familie Florin in die Hände ihrer Schwester, Maria Elisabeth Candrian geb. Florin, und dadurch in das Haus Candrian in Lain gelangt.

Wie das Material der Familie Bergamin in das Archiv von Banaston gelangt ist, konnte nicht genau ermittelt werden. Einerseits gab es mehrere Heiratsverbindungen zwischen den beiden Obervazer Geschlechtern Florin und Bergamin, sodass ein Teil auf diese Weise in das Archiv der Familie Florin gelangt sein könnte. Andererseits ist es sehr wahrscheinlich, dass der Grossteil des bergaminschen Nachlasses erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. direkt in die Hände der Familie von Banaston gelangt ist. Laut Oscar A.M. Bergamin, welcher der Geschichte der Junkerfamilie Bergamin in einer längeren Zeitungsartikelserie nachgegangen ist, fanden die "meisten aktiven Offiziere aus der Familie Von Bergamin […] ausserhalb des Landes eine neue Existenz, obwohl in öffentlichen Archiven wenig darüber bekannt [sei. …] Mangels Einnahmen der letzten Junker Von Bergamin [seien] ihre Güter verkauft, versteigert oder durch die Kantonalbank gepfändet und wieder weiterverkauft [worden]", wobei auch die Familie von Banaston "Bank [gespielt]" habe. So seien "viele ehemalige Bergamin-Güter in die Hände dieser Familien" gelangt. Dabei seien die Häuser "mit gesamtem Inventar erworben [worden]. Möbel, Malereien, Schriftstücke und wichtige Dokumente, alles [sei] übernommen [worden]" (vgl. Oscar A.M. Bergamin, Die Adelsfamilien Beeli von Belfort, De Cadusch, De Florin und Von Bergamin und ihr Untergang am Ende des letzten Jahrhunderts. Eine fortlaufende Serie über vier Junkerfamilien, die während Jahrhunderten sehr eng miteinander verbunden waren, die wichtige Positionen einnahmen, am Ende des letzten Jahrhunderts aber verschwanden, in: Novitats, 14. November – 19. Dezember 1997). Unter den Akten bergaminscher Provenienz finden sich v. a. solche des Podestà Leonhard Remigius Bergamin.

Das Archiv von Banaston beinhaltet demzufolge eine breite Palette Aktenmaterial aus verschiedenen Familien des Albulatals und der Surselva. Da sämtliche Mitglieder dieser Familien romanischsprachig waren, ist auch ein bedeutender Teil der Akten in dieser Sprache verfasst. Einerseits ist dies von Interesse, weil es einen Einblick in das Idiom von Vaz/Obervaz, das im Verschwinden begriffene rumantsch da Vaz, gibt, andererseits ermöglicht das Material einen Zugang zum Alltag dieser Sprachgemeinschaft. Ergänzt werden diese rätoromanischen Dokumente zum Einen durch das Schriftgut der Familie Caderas, welches im Wesentlichen auf den Raum Gruob, d.h. Ladir, Ilanz, Rueun, Schluein usw. konzentriert ist, zum Anderen durch die zahlreichen Schriften von Luzi Anton Candrian, der seine Zeit als Pfarrer gänzlich in derselben Region verbracht hat und sich somit auch ausschliesslich des Sursilvan bedient hat.

Zu erwähnen bleibt noch das Aktenmaterial seines Bruders Bernard Candrian, welches einen Einblick in den Alltag einer Zuckerbäckerfamilie gewährt und die ganze Korrespondenz einer solchen mit den städtischen Behörden sichtbar werden lässt.

Sämtliche Akten und Korrespondenzen, welche weder mit den Familien Florin, Bergamin, Caderas, noch Candrian eindeutig in Verbindung gebracht werden konnten, wurden unter dem Bestand Villa von Banaston: Verschiedenes zusammengetragen. Zu diesem Bestand gehört u. a. auch das anfangs erwähnte, eher spärliche Aktenmaterial der Familie von Banaston.

Provenienz

Migration

Stufe Zielsystem

Bestand